Nachdem in Berlin zum zweiten Mal ein sog. "Ehrenmord" passierte, diesmal an einer jungen Türkin, wurde in der öffentlichen Diskussion der Ruf nach einer Schule laut, die Werte vermittelt. Da stellt sich die Frage nach einer gemeinsamen Basis für unser Zusammenleben. Es wird viel über Wertezerfall geredet. Das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Orientierung, die Suche nach Werten und religiöser Erfahrung ist nach wie vor vorhanden, nur kann es bisweilen – wie im eingangs geschilderten Fall - mit zerstörerischen Idealen ausgefüllt sein. Die Berliner Koalition hat sich nun für einen konfessionslosen Werteunterricht verpflichtend für alle entschieden, als "zeitgemäße Antwort auf die Vielfalt unserer Gesellschaft" (Wowereit). Damit wurde den großen Kirchen die Berechtigung abgesprochen, bei der Orientierung für menschliche Lebensgestaltung sowie der Unterweisung von Wissen über Religion und ihrer Geschichte eine ernstzunehmende Rolle zu spielen.
Wie verstehen wir religiöse Erziehung? Was ist Religion?
Religion ist Transzendenzerfahrung. Nach Hubert Halbfas (1976) ist sie eine Wirkungseinheit von Fragen, Deutungsversuchen und Wertungen, an denen ein Mensch Rückhalt findet, wenn es um das Ganze von Welt und Leben geht, um Heil, Unheil, Leben und Tod. Religion kommt in den anthropologischen Kategorien wie Vertrauen, Liebe, Geborgenheit, Schuld und Hoffnung zum Ausdruck und wird dort erfahrbar. Religiöse Erziehung ist somit die Entfaltung und Einübung von religiösen Kompetenzen (kognitiv, emotional, aktional). Zum Teil überschneiden sich diese mit ethischen Kompetenzen und Haltungen, die alle Unterrichtsfächer fördern wollen wie Verantwortungsbereitschaft, Freiheitsliebe, Respekt vor anderen Menschen, Gerechtigkeit und Solidarität.
Religion und Glauben kann man aber offensichtlich nicht so lernen wie eine Fremdsprache. Bei der religiösen Erziehung in der Schule stehen heute die Begleitung des jungen Menschen zur Selbstentfaltung sowie die Ausprägung der Persönlichkeit im Mittelpunkt (diakonischer Ansatz). Darüber hinaus geht es um eine Sensibilisierung für spirituelle Fragen überhaupt, für den Geschenkcharakter des eigenen Lebens und der ganzen Schöpfung, Lebensfreude, eine Sensibilität für das Leiden anderer, eine Wachheit für letzte Fragen. Im Idealfall können diese Einstellungen auch gelebt werden. Im Sinne eines ganzheitlichen Menschenbildes soll der Schüler neben einer kritischen Rationalität in der Entfaltung seiner Emotionalität unterstützt werden. Wer nicht mit einer religiösen Lebenssituation vertraut ist, kann diese nicht für die eigene Identität nutzen, kann weder Gemeinsamkeiten noch Unterschiede angemessen erkennen.
Als wichtiger Lernbereich christlicher Spiritualität ist das Beten und Meditieren zu nennen. Ausgangspunkt ist dabei immer der Schüler und seine Welt. Dem einen entspricht mehr eine Körperübung, ein meditativer Tanz, der andere kann mit einem Gleichnis oder Märchen mehr anfangen, die dritte wird durch ein Symbol oder einen Naturgegenstand angesprochen, der vierte bevorzugt das meditative Gespräch.
All diese Formen sollen Jugendlichen nicht nur dazu verhelfen, sich zu konzentrieren und über sich selbst nachzudenken, sondern auch offen zu werden für ein "In-Beziehung-Treten" mit anderen und – wenn es möglich ist – mit Gott. Dabei steht weniger ein "Schon-wieder- etwas-Leisten müssen" im Vordergrund, eher ein Stillwerden, auch wohltuende Unterbrechung, ein "Atemholen für die Seele" im Schulalltag! Wichtig ist dabei das Ernstnehmen und Klären dessen, was dem Heranwachsenden wichtig und wertvoll ist. Religiöse Erziehung würde ihr Ziel verfehlen, wenn eigene Antworten und Wertmaßstäbe dem anderen aufgedrängt würden, wenn der Jugendliche nur vereinnahmt oder unmündig gemacht würde. Die religiöse Dimension braucht nicht bei jeder Meditation zum Tragen kommen. Eine Überdosis ist vielleicht gerade in einer bestimmten Altersphase ungesund! Dienst am Glauben kann nur ein Hebammendienst sein, eine Hilfe bei dem nicht immer leichten Prozess der Selbstwerdung.
Ein weiteres Beispiel für religiöse Erziehung als kommunikatives Handeln sind die vielen kleinen Projekte, deren Aufhänger oft die Teilnahme an einem Wettbewerb ist, zum Beispiel über Schöpfung oder Werbung. In diesem Jahr gab es unter anderem einen kommunalen Kunstwettbewerb zum Thema "GottSucherleben", an dem mehrere Klassen teilnahmen, sowie die "Edelsteinaktion" von MISSIO zum Thema "Solidarisch leben".
Nicht zuletzt sind auch unsere Schulgottesdienste an den Schnittstellen schulischen Lebens eine gute Gelegenheit gemeinsam zu feiern. So wurde unser Anfangsgottesdienst passend zur Aufbereitung des Exodusthemas mit Gospelliedern gestaltet oder beim Gedenkgottesdienst im November die "Carpe diem"-Thematik mit der Bibelgeschichte von den Talenten verknüpft. Der 6. Jahrgangsstufe wurde aus gegebenem Anlass in einem eigenen Gottesdienst Gelegenheit gegeben, der Trauer über den Tod einer Mitschülerin Ausdruck zu verleihen. Die Dankandacht der Abiturienten stand unter dem Motto Abschied und Neubeginn und der letzte Schultag schloss ebenfalls ökumenisch mit einem Jahresrückblick.
Die Sehnsucht unserer Schüler nach einem menschenwürdigen Leben wach zu halten wird auch in Zukunft der Ansatzpunkt religiöser Erziehung an unserer Schule sein, indem wir Mut machen, mit Herz, Hand und Verstand präsent zu sein, um das allerinnerste Bild, das uns eingehaucht ist, zur Verwirklichung zu bringen.
Irmgard Stagl |