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Domführung mit Herrn Anders

Morgens begann der Unterricht der Klasse 7ac nicht im Klassenzimmer. Mit Gernot Anders, einem namhaften Freisinger Dom- und Stadtführer, trafen wir uns im Domhof. Zunächst formierten sich die Siebtklässler an der Seite der Statue Bischof Ottos und inspizierten das Gelände und dessen Gestaltung und suchten, geleitet von Herrn Anders, Gründe für die damalige Anordnung der Gebäude. Den Schülern wurde klar, dass man früher, als es noch keinen elektrischen Strom gab, die Wohnhäuser – auch die der Kleriker - so platzierte, dass Tageslicht weitgehend genutzt werden konnte – mit der Folge, dass der Dom in die nördliche Ecke gedrängt wurde. Mit den äußeren Ädifikatsstrukturen auf dem Domberg vertraut, besichtigte die Gruppe nun die Innenarchitektur der Freisinger Kathedrale, eben jener nach dem Bischofsstuhl – lateinisch cathedra – benannten Bischofskirche. Näher betrachtet wurden das Domportal, die Inneneinrichtung und deren symbolische Funktion sowie die Krypta. Hierzu einige Ausführungen:
Eine Steinmetz-Gruppe um Meister Luitprecht schuf das Domportal, in welchem Kaiser Barbarossa (1155-1190) und dessen Gemahlin Beatrix von Burgund dargestellt sind. Barbarossa thront, mit Krone und Zepter geschmückt, majestätisch auf einem Faltstuhl. In unmittelbarer Nähe steht ein Bischof, sei es der verstorbene, oben genannte Otto (1138-1158) oder der regierende Albert (1158-1184) jener Tage. Dem Kaiser gegenüber hält Beatrix eine Gabe empor, möglicherweise jene Chrysolitenschale, die die Kaiserin Freising schenkte und bis 1803 zum Domschatz gehörte, danach aber verschollen ist. Im Gewand steigt eine Kröte, altes Symbol weiblicher Fruchtbarkeit, zur Kaiserin auf, eine Votivgabe für das zunächst kinderlose Herrscherpaar. Vielfach wurde aus dem Umstand, dass das Kaiserpaar an derart zentraler Stelle in der Domkirche positioniert ist, gelesen, es habe sich entscheidend am Wiederaufbau der Kathedrale beteiligt.
Das romanische Portal lud endlich sogartig zum Betreten des Kirchenraumes ein. Auffallend war neben dem Farbenreichtum die Stilvielfalt. Obendrein erklärte Herr Anders: Die Gestaltung des Kircheninnenraumes als Schiff, u. a. architektiert durch die Treppen zur Bestuhlung hinunter und vorne zum Altarraum hinauf, symbolisiert das Schiff, mit dem man mit Christus an Bord sicher an sein Ziel kommen könne.
Und weiter ging´s zur Krypta, dem Sakralbezirk unterhalb des Altares, der gewöhnlich entweder das Grab oder die Reliquie eines Märtyrers aufnimmt. Die Freisinger Krypta, ein reiner Tuffbau, ist ungewöhnlich groß, vierschiffig konzipiert, schlicht und dennoch nicht mit einem einzigen Blick greifbar. Hier gedenkt man des Hl. Korbinian, des Hl. Lantbert und des Hl. Nonnosus. Publikumsmagnet war sogleich eine Säule inmitten der Krypta, die sog. Bestiensäule, benannt nach den vier sich von unten über den westlichen Säulenschaft drängenden Drachen. Zwei Gestalten suchen sich auf der Westseite vor den Ungeheuern zu retten. Auf der Nordseite werden Tiere mit Schwert und würgenden Händen von zwei stehenden Rittern bekämpft. Dem Gemenge entrückt, zeigt sich im Osten eine Frau mit einer stilisierten Lilie vor der Brust.
Zahlreiche Bildinterpretationen der Bestiensäule liegen vor. An die Sage des Drachentöters Siegfried und anderer nordischen Sagen wurde gedacht; ebenso an den allegorischen Kampf des Menschen gegen das Böse.
Doch wofür steht die Frau auf der Ostseite der Säule? Sie wird mit Maria identifiziert: In Maria mit der Blume sieht man das Bild der Kirche. Die Frau richtet sich nach Osten. Osten (lateinisch oriens) – das ist hier das weiterführende Stichwort. Die deutschen Wörter Orientierung und sich orientieren leiten sich von der Ausrichtung nach Osten her. Auszugehen ist dabei von einer ursprünglich geographischen Bedeutung, die Himmelsrichtung nach dem Aufgang der Sonne zu bestimmen. Hierzu einige Beispiele: Während sich die Ägypter auf den Himmelskörper Sirius, die Chinesen auf den Polarstern, die heidnischen Römer zum Jupiter-Tempel auf dem Kapitol, die Juden zum Tempel in Jerusalem und die Moslems zur Kaaba nach Mekka ausrichte(te)n, orientierten sich vielerorts die Menschen nach Osten; Ostung begegnet in neolithischen Kultbauten wie Stonehenge, in der griechisch-römischen Antike, in hinduistischen und buddhistischen Tempeln, in Pagoden, christlichen Apsiden und Reihenfeldgräbern. Ganz allgemein: Wer sich orientiert, der sieht sich um und findet sich zurecht. Für den Christen bedeutete der Osten den Ort der aufgehenden Sonne, des Paradieses (Gen2,8), der Theophanie. Wer dorthin blickt und es der Frau auf der Bestiensäule gleich tut, der orientiert sich und findet Heil, das Ziel eines jeden menschlichen Daseins.
Gleich wessen Interpretation man folgt, die Bestiensäule stand und steht den Gläubigen, die zur Andacht in die Krypta kamen und kommen, als eindrucksvoll-imposantes Beispiel für – ganz allgemein gesprochen – das eigene Leben.
Der Besuch des nahe gelegenen Domes hat sich gelohnt. Herr Anders verstand es mit seinem klaren und dem Alter der Schüler entsprechenden Konzept, die Aufmerksamkeit der Jugendlichen zu wecken.
Bedenkenswert erscheint mir noch Herrn Anders abschließende Bemerkung: Zur gleichen Zeit, als der Freisinger Dom barockisiert und darin u. a. Freisinger Heilige verehrt wurden, machte man Freisinger Bettelbuben den Hexenprozess …

Rita Wörmann