"Könnte ich doch den Geschmack des Schabbats ... verkosten". Dieser Ausspruch aus den von Martin Buber gesammelten Erzählungen der Chassidim umschreibt das Anliegen eines interreligiösen und überkonfessionellen Projekts, das unter der Leitung von Frau Blohm und Frau Rebbe-Gnädinger im Rahmen der Projekttage am Schuljahresende für Schüler der 9. und 10. Jahrgangsstufe stattfand. Es ist das Anliegen, sich der jüdischen Kultur einmal anders zu nähern, nicht vorrangig unter dem Eindruck der tragischen Geschehnisse unserer jüngeren Geschichte, sondern über die Beschäftigung mit den Speisevorschriften, wie sie auch bei den Vorbereitungen für den Schabbat Anwendung finden.
In die Geheimnisse der koscheren Küche weihte uns Herr Dieter Müller, der nach langer Vorbereitungszeit und vielen Hindernissen 1980 zum Judentum konvertiert hat, zusammen mit seiner Frau Malka und seiner Tochter Channah-Leah aus erster Hand ein. Am 25.7. trafen wir uns zu diesem von beiden Seiten mit Spannung erwarteten Unterfangen in der Küche des St.-Georg-Hauses, deren Ausstattung für die Zubereitung eines 3-Gänge-Menüs bestens geeignet war. Ausgewählt wurde ein Essen, das die unterschiedlichen Traditionen im Judentum aus dem Orient, aus Mittel- und Osteuropa und aus dem Mittelmeerraum vorstellte. Beim Blick in das jüdische Kochbuch vermittelte sich einem ein Hauch von Exotik, konnten wir die Rezepte, da der hebräischen Sprache nicht mächtig, nur mehr als eindrucksvolle Graphie würdigen. Die Anordnung erinnert an die aus Japan kommenden und seit Jahren unter Schülern beliebten Mangas. Gleich der Leserichtung in den telefonbuchdicken Comics werden die Rezepte von hinten nach vorne und von rechts nach links gelesen.
Eine Grundregel der koscheren Küche lautet, dass nur Fleisch von rituell geschächteten Tieren gegessen werden darf, die sowohl Paarhufer als auch Wiederkäuer sind, etwa Rind, Schaf und Ziege. Vor der eigentlichen Zubereitung muss das Fleisch koscher gemacht werden, indem möglichst alles Blut entfernt wird. Das Blut wird nach jüdischem Glauben als die Substanz jedes Lebewesens angesehen, in der die Lebenskraft steckt, und darf daher nicht verzehrt werden. Auch sollen "milchige" und "fleischige" Produkte voneinander getrennt werden, eine Angelegenheit, die ausschlaggebend war für die Zubereitung unserer Vor- und Nachspeise. Das Einhalten der Speisevorschriften, wie sie unter anderem in der Thora, den fünf Büchern Moses, festgelegt sind, trägt dazu bei das eigene Leben zu heiligen. "Der Mensch ist, was er isst": Dieser Spruch der "Biofood"-Anhänger entspricht durchaus jüdischem Denken.
Eingeteilt in kleine Gruppen halfen wir Gemüse zu schälen und zu schneiden – und erhielten nebenbei so manchen nützlichen Tipp für den Hausgebrauch. Bald schon zog ein würziger Duft durch die Küche und weckte in uns Gelüste auf das bereit stehende Menü. Es gab Sesampaste ("Thehina"), gefüllte Blätterteigtaschen ("Borekas") und Auberginensalat; anschließend Hähnchen mit Kartoffeln und Nudelauflauf ("Kigel"), dazu ein "Challah", das traditionelle Schabbatbrot. Mmmmh, lecker! Auch wenn wir schon fast gesättigt waren, konnten wir auf die Nachspeise doch nicht verzichten, ein köstlicher Kompott ("Liftan") aus getrockneten Äpfeln, Aprikosen, Pflaumen und Rosinen. Später als Überraschung ein türkischer Kaffee.
Immer wieder gab es Gelegenheit Herrn und Frau Müller und Channah-Leah Fragen zu stellen, allgemein zum Leben der Juden, aber vor allem zu ihrer eigenen, für uns sehr spannenden Geschichte. Wir erfuhren, dass Juden in Deutschland ein normales Leben mit mehr oder weniger wichtigen Alltagssorgen führen, ebenso wie wir auch; dass manche Probleme mit dem Antisemitismus in Deutschland zu tun haben, andere mit innerjüdischen Angelegenheiten, wie beispielsweise die Schwierigkeit Religionslehrer nach Deutschland zu holen oder zu wenige jüdische Schulen zu haben. Mit vielen Klischees über Juden, die zum Teil auch in unseren Köpfen steckten, wurde aufgeräumt. Nicht jeder Jude spricht Jiddisch. Nicht jeder Jude ist reich. Und auch nicht jeder Jude isst immer koscher.
Für den uns unvergesslichen Einsatz danken wir Familie Müller vielmals. Das Projekt hat "Appetit" gemacht sich mehr noch auf das Judentum, die Wurzel unserer eigenen religiösen Herkunft, einzulassen. Mit den Worten Martin Bubers ausgedrückt: "Entziehe dich mir nicht, sondern enthülle mir deine Gebote, dass ich dein Freund werden kann."
Stephanie Rebbe-Gnädinger |