In der Gesellschaft werden durch die verschiedenen Kleiderstile Frauenbilder produziert und vor allem damit verbundene Werte und Vorstellungen wie "Befreiung", "Emanzipation", "Freiheit", "Schönheit" usw. über die Kleidung definiert.
Schleiersichten
Der Schleier
Kommt eine Frau in Stöckelschuhn auf ganz verkrampften Füßen,
so wird sie keiner kritisiern.
Sie muss das selber wissen.
Trägt eine ihren Rock zu eng, dass alle Nähte krachen,
so regt sich heute niemand auf. Das ist doch ihre Sache.
Aber wenn eine Frau ihr volles Haar bedeckt,
die Formen ihres Körpers ganz versteckt,
indem sie einen weiten Schleier trägt,
dann auf einmal ist sie die Dumme und die andern schlau,
denn jeder, der sie sieht, weiß ganz genau:
sie ist die unterdrückte Frau.
Sie wird verspottet, attackiert, man will es ihr verbieten,
man sagt, in unserem Land sei kein Platz für solche Sitten,
und wenn sie schon hier leben will, soll sie sich integrieren.
Bei uns sind Frauen eben frei, das muss sie doch kapieren.
Selten will jemand wissen, wie sie selber denkt,
wie sie vielleicht an ihrem Glauben hängt,
der ihr ganz eine andre Freiheit schenkt:
Freiheit von jenem Blick, der eine Frau bemisst,
danach, wie attraktiv ihr Körper ist,
und sie als Mensch dabei vergisst.
Man hat auch längst in ihrem Land versucht, sie zu belehren,
wie rückständig und überholt die alten Werte wären.
Der große Hit, der letzte Schrei, das Beste nur vom Besten,
das sei die Schönheitsdiktatur der Mode aus dem Westen.
Aber auf diese Art Befreiung pfeift sie gern,
die dient ja doch vornehmlich jenen Herrn,
die voller Gier die Kassen klingeln hörn.
Und so wählt sie den Schleier jeden Morgen neu,
und manchmal selbstbewusst und manchmal scheu
bleibt sie den eignen Träumen treu.
© Claudia Mitscha-Eibl
Sicht auf den Schleier oder durch den Schleier
Schleier - Kopftuch, wie nah sind sich diese Begriffe in unserer Wahrnehmung gerückt, wenn es um muslimische Frauen geht.
Schleiersichten? Vergessen wir das Kopftuch erst mal und lenken die Gedanken und unsere Sinne auf den Schleier. Mache eine kurze Weile die Augen zu. Lasse dich von dem Wort "Schleier" anregen, vielleicht umwehen. Woran denkst du? Welche Assoziationen hast du?
Welche Gefühle tauchen bei dir auf?
In der Bibel kommt der Schleier als Teil der Kleidung für Frauen relativ selten vor. Im Hohen Lied steht:
"Siehe, meine Freundin, du bist schön!
Siehe, schön bist du!
Deine Augen sind wie Taubenaugen hinter dem Schleier.
Deine Lippen sind wie eine scharlachfarbene Schnur und dein Mund ist lieblich.
Deine Schläfen sind hinter deinem Schleier wie eine Scheibe vom Granatapfel."
Schleiersichten eines Liebenden - voller Sehnsucht, vielleicht voller Verklärung, auf jeden Fall voll Erotik...
In Jesaja 40,22 verhindert der Schleier schützend den direkten Blick des Menschen auf das göttliche Geheimnis, das Allerheiligste: "...er (Gott) spannt den Himmel aus wie einen Schleier und breitet ihn aus wie ein Zelt."
Es ist uralte Weisheit der Menschen, die glaubten, dass der Blick hinter den Schleier des Göttlichen oftmals den Blick auf den eigenen Tod bedeutet.
"Kein Mensch hat jemals den Schleier gelüftet, der mich bedeckt", spricht die Göttin aus der Inschrift des Tempels von Sais in Ägypten. Priesterinnen, Prophetinnen waren Trägerinnen dieses göttlichen Mysteriums und dienten und tanzten in Schleiern der Göttin zu Ehren.
Schleier -
feines, kostbares, durchscheinendes Gewebe,
leicht, beschwingt, verhüllend.
Schön ist es mit Schleiern zu spielen...
Spiel in Gedanken mit einem Schleier.
Wie sieht dein Schleier aus?
Aus welchem Material ist er?
Wie groß ist er?
Was kannst du damit machen?
Wie bewegst du dich?
Wie fühlst du dich?
Wie siehst du in die Welt?
Wie wirst du gesehen?
Welche Gedanken tauchen auf?
Ein Spiel mit "meinem Schleier" kann mir die Augen öffnen -
ihn wahrzunehmen ist gut und auch wichtig.
Wozu brauche ich "meinen Schleier"?
Wo und wann nützt er mir?
Was macht ihn mir lieb?
Ein Spiel mit "meinem Schleier" kann mir die Augen öffnen für mancherlei Fragen. Wichtig ist dabei auch die Frage an mich:
Wo und wann behindert mich "mein Schleier" - in meinem persönlichen Leben, bei meinem Blick in die Welt, bei meiner Wahrnehmung von Menschen, die mir fremd sind.
Vorurteile zwischen Menschen - sind sie nicht Folge von verschleierter Wahrnehmung? Pauschalurteile über Religionen - sind sie nicht Folge von Berührungsängsten, die mich hindern, meinen schützenden, aber auch behindernden Schleier zu lüften?
Wo engen mich "Schleiersichten" ein - beim mich selbst Sehen und Wahrnehmen, beim Gesehen- und Wahrgenommenwerden? Was macht mir Angst? Was könnte ich verlieren? Wo behindert mein "Schleier der Wahrnehmung" eine offene Begegnung?
Unsere Schleier sichten - den Schleier unserer Wahrnehmung heben - differenzierte Blicke aufeinander wagen - Schritte aufeinander zugehen ohne vorgefaßte Meinungen: das ist sicher nicht leicht!
Machen wir einander Mut, unsere Schleier zu lüften, wo sie uns behindern in der offenen Begegnung mit Menschen, die uns fremd sind.
Es geht nicht darum, den Schleier abzulegen -
es geht darum, den Verstand zu entschleiern!
Wo du bist, Gott,
zählen Geschlecht, Hautfarbe und Herkunft nicht mehr.
Wo du bist, Gott,
leben Menschen und Kulturen in aller Verschiedenartigkeit miteinander.
Wo du bist, Gott,
verlieren Angst, Vorurteile und Hochmut ihre Macht.
Darum lass uns, Gott,
immer wieder bei dir sein und mir dir leben.
Amen. |